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Andachtstexte

16.05.2020

Geistliches Wort zum Sonntag Rogate, 17.05.2020

Liebe Gemeinde!

Der für den heutigen Sonntag Rogate, zu Deutsch: Betet! vorgeschlagene Predigttext ist ein Abschnitt aus dem 6. Kapitel des Matthäusevangeliums und zwar aus der Bergpredigt Jesu.

Jesus sagt: 5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Das Vaterunser ist das bekannteste Gebet der Christenheit. Es geht auf Jesus selbst zurück; - das ist weitgehend unumstritten. Es ist seine Antwort auf die Bitte der Jünger, sie das Beten zu lehren. Und vermutlich vergeht keine Sekunde, in der es nicht irgendwo auf der Erde gebetet wird. Denn es verbindet alle Christen: evangelische und katholische, orthodoxe und anglikanische, Pfingstler und Täufer ... Durch seine feste Form gibt das Vaterunser Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen Halt und Sicherheit. Es befreit davon, im Gebet originell zu sein oder die richtigen Worte finden zu müssen. Andererseits ist es auch sehr poetisch und damit offen für eigene Interpretationen. Vielleicht besteht eines der vielen Geheimnisse des Vaterunsers gerade darin, dass es einerseits so wenig Voraussetzungen an den Betenden stellt - keine Jungfrauengeburt, keine Wunder, keine Auferstehung -, andererseits aber sehr vielen Bedürfnissen Raum gibt. Mehr als der Glaube an den einen allmächtigen und barmherzigen Gott ist zunächst gar nicht nötig, um alle Nöte, Sorgen und Ängste, in die sieben Bitten zu legen. Sie alle einzeln auszulegen wäre – allein schon wegen ihrer Offenheit – an dieser Stelle kaum möglich. Deshalb nur jeweils ein paar Gedankensplitter - als Anregung zum eigenen Weiterdenken.

„Unser Vater im Himmel“: Es ist schon bezeichnend, dass es „unser Vater“ und nicht „mein Vater“ heißt. Wir wenden uns gemeinsam an Gott wie an einen Vater oder eine Mutter im positivsten Sinne. Vertrauen, Liebe, Geborgenheit, Verständnis, Unterstützung, all das macht Gott aus. Deshalb die vertrauliche Anrede „Vater“. Es könnte durchaus auch „Mutter“ heißen – auch unter Verweis auf die Bibel, wo es bei Jesaja von Gott auch heißt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“. Und der Zusatz „im Himmel“ betont die Grenze unseres Vorstellungshorizontes deutlich – dass sich Gott unserer Verfügbarkeit entzieht.

„Dein Name werde geheiligt“: Diese Erinnerung an das mosaische Gebot, den Namen des Herrn nicht zu missbrauchen, warnt davor, das von Gott angebotene Vertrauensverhältnis für eigene oder für falsche Zwecke zu benutzen. Gleichzeitig bringen wir zum Ausdruck: Gott ist uns in einzigartiger Weise wichtig. Deshalb wollen wir mit unserem Leben und Tun seinen Namen groß werden lassen in der Welt. Unser Glaube hat also Konsequenzen für uns selbst. Welche das sind, muss jeder und jede für sich beantworten.

„Dein Reich komme“: Damit erkennen wir die absolute Herrschaft Gottes an. Keine andere Macht, kein anderer Mensch, keine andere Institution kann maßgeblicher für uns sein. Die Bitte umschließt den Wunsch, dass die Kennzeichen von Gottes Herrschaft auch unser Leben bestimmen: Gerechtigkeit, Friedfertigkeit, Sanftmut, Barmherzigkeit. Das „Kommen“ ist bewusst nicht zeitlich bestimmt. Es kann als ein beständiges Kommen im Sinne einer stetigen Verwirklichung verstanden werden, aber auch als ein zukünftiges Kommen: im Sinne eines neuen Zeitalters der Gottesnähe.

„Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“: Natürlich müssen wir Gott nicht daran erinnern, seinen Willen umzusetzen. Diese Bitte zielt vielmehr auf uns: Für das, was auf Erden geschieht, sind wir verantwortlich. Wir sind frei in unseren Entscheidungen, - auch wenn wir als Gottes Geschöpfe in seiner Schöpfung handeln. Diese Bitte des Vaterunsers formuliert die Hoffnung, dass wir Gottes Willen erkennen und uns danach richten. Denn soweit wir seinen Willen hier umsetzen, schaffen wir auf Erden ein Stück Himmel.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“: In dieser Bitte steht das Brot für alles, was wir zum Leben brauchen. Hier sind alle menschlichen Nöte und Bedürfnisse aufgehoben, seien es unsere eigenen oder die unserer Nächsten. Denn wiederum heißt es „unser Brot“, nicht „mein Brot“. Und diese bitte erinnert daran: Was wir jeden Tag für unser Leben empfangen, ist nicht selbstverständlich. Es ist nicht mein Verdienst, sondern Gottesgeschenk.

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“: Jeden Tag neu machen wir Fehler. Es gibt Schuld. Mir das immer wieder bewusst machen. Mein Handeln immer wieder vor Gott bringen, hinterfragen. Um Vergebung bitten. Auf Vergebung vertrauen. Vergebung annehmen. Aus der Vergebung heraus leben – und dies weitergeben. Ja, etwas großzügiger und großherziger mit mir und anderen zu sein, darum bitten wir. Jesus war dieser Gedanke wohl besonders wichtig. Auch hier gilt: Gottesliebe und Nächstenliebe gehören zusammen. Nur in einem versöhnten Zustand können wir Gottes Nähe suchen.

„Und führe uns nicht in Versuchung …“: Wir sind leicht beeinflussbar und verführbar. Das macht sich besonders bemerkbar, wenn wir Gottes Willen folgen wollen, - denn das ist selten der bequemste Weg, der Weg des geringsten Widerstands. Zudem ist unsere Beeinflussbarkeit eine wesentliche Säule unseres Wirtschaftssystems. Vor diesem Hintergrund ist diese Bitte um Widerstandskraft auch eine Erinnerung, immer dann „Nein“ zu sagen, wenn ein Mensch allzu schnell zu einem einfachen „Ja“ verführt werden soll.

„... sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Möglicherweise gehörte die Bitte ursprünglich nicht zum Gebet. Doch selbst wenn sie erst in einer späteren Redaktionsschicht des Neuen Testaments dazukam, passt sie doch perfekt an das Ende des Vaterunsers. Das Böse steht für alles, was nicht von Gott kommt und deshalb nicht gut ist. Die frühere Übersetzung „erlöse uns von dem Übel“ konnte auch dahingehend missverstanden werden, dass es hier um sämtliche Missstände des menschlichen Lebens geht; - auch um Krankheit und Tod. Aber es geht um das von Menschen selbst zu verantwortende Böse, unter dem andere Menschen leiden: Hunger, Freiheitsberaubung, Vertreibung, Unterdrückung, Gewalt, Krieg.

„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Dieser abschließende Lobpreis ist wohl sicher ein späterer Zusatz, aber ein passender: Er bekräftigt nochmals das Bekenntnis zu Gottes Willen als herrschendem Prinzip für unser Handeln und Glauben, das Bekenntnis zu Gott als die alles bestimmende Wirklichkeit und die Hoffnung auf eine durch nichts getrübte Nähe zu Gott. All das ist das Vaterunser und noch Vieles mehr. Amen.

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