Andachtstexte

17.01.2021

Unglaublich - so war es und so wird es wieder sein!

Die Geschichte für diesen Sonntag ist eine wohltuende Geschichte: ich hoffe, sie schmerzt nicht allzu sehr, ich wünsche mir, dass sie nicht vertröstet, doch hört selbst:

Und dann der dritte Tag.

Ach ja, das war doch der Auferstehungstag. Leben statt Tod.

Der Tag, an dem sie Hochzeit hielten, zu Kanaan, in Galiläa.

Ich erinnere mich an Hochzeitsfeiern. Meist im Mai oder September. Lange Tage, viele Gäste, feiern bis lang in die Nacht. Nachher schaue ich mal in meinen Fotoalben nach. Hochzeit – hohe Zeit, Freudenzeit.

Jesus: ein Gast unter den Gästen, eingeladen mit seiner Mutter und seinen Schülern.

Bei meiner eigenen Hochzeit waren in der Kirche weit über 200 Menschen, über 120 haben mit uns gefeiert. Es ist jetzt 25 Jahre her. Wer war eigentlich alles da – und wo sind sie alle hin, seit damals?

„Der Wein geht zur Neige“, sagte die Mutter zu ihrem Sohn.

Bei uns waren die Heringe versalzen, und noch so einiges mehr ist damals aus dem Ruder gelaufen. Aber der Wein alle – das hätte der Stimmung Abbruch getan. Irgendwie gehört das zusammen, damals in Kanaan, und irgendwie auch bei uns. Aber was geht das die Gäste an – und warum kümmert sich Maria?

Jesus antwortet ihr: „Du und ich – was haben wir miteinander gemein?

Das ist gemein, finde ich – aber ein wenig kann ich es verstehen. Jesus ist Ende 20, Anfang 30, mit Gleichaltrigen auf einer Hochzeit. Was mischt sich seine Mutter ein? Aber halt: Ich war bei meiner Hochzeit Mitte 20 – und meine Mutter und meine Schwiegermutter haben sich sehr eingemischt, auch beim Essen, beim Trinken, bei der Gästeliste, bei der Tischordnung. Ich erinnere mich...

„Du denkst nur ans Heute, aber meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Da verstand ihn die Mutter und sagte zu den Gehilfen: Bedenkt! Was immer er euch befiehlt, das müsst ihr tun!“

Jetzt komme ich ein wenig raus. Heute – klar, heute ist die Hochzeit. Und jetzt, jetzt ist der Wein doch bald aus. Also muss jetzt gehandelt werden. Heute würde ich sagen: Fahr los, Jesus, in den Getränkemarkt, kauf noch Wein. Schnell, bevor die Läden schließen. Aber damals?

„Füllt die Krüge mit Wasser“, sagte Jesus – die Krüge, die großen Wasserkrüge, es waren sechs, die den Juden für ihre Waschungen dienten, zwei oder drei Eimer, in jedem Krug, genug, um die Gebote der Reinigung zu erfüllen.

Wir haben in einem Gemeindehaus gefeiert – aber jetzt überschreitet Jesus jede Grenze: er geht an die heiligen Gegenstände, die besonderen, ausschließlich für den religiösen Gebrauch. Wenn ich mir das damals als Theologiestudent erlaubt hätte...

„Und die Gehilfen gehorchten und taten, was Jesus ihnen befahl: Alle Krüge, bis zum Rand, mit Wasser gefüllt! Und dann die Schöpflöffel her!

Ich erinnere mich: auch wir hatten Helfer, Jugendliche, junge Erwachsene, die geholfen hatten. Aber ein solcher Ton, von einem Gast, das hätte Ärger gegeben.

„Bringt, was ihr geschöpft habt, dem Mann, der für die Festordnung verantwortlich ist.“ Und schon kostete der Mann: Aus Wasser war Wein geworden.

Bis hierher, und nicht weiter. Alles andere: lasst es in Euren Köpfen geschehen, schmeckt es auf euren Zungen, erinnert euch mit all euren Sinnen: an Festtage, an Freudenfeiern, an große Hochzeiten, an wunderbare Geschichten.

Johannes erzählt es seiner Gemeinde in bitteren, schwierigen Zeiten. Manche glauben, Johannes sei auf die Insel Patmos verbannt, schreibt von dort. Aus der Quarantäne, aus der Verbannung, aus der Isolation, aus der Absonderung.

Und er schreibt von dem, was nicht ist – aber was schon war und was wieder sein soll. Zum Zeitpunkt, als Johannes die Geschichte aufschreibt, in der Lage, in der er sich befindet: Unvorstellbar, unglaublich. Gott sei Dank hat er sich nicht an seine neue Normalität gewöhnt, sich abgefunden, mit dem, wie es ist. Gott sei Dank hat Johannes auf seine Art und Weise sich gegen die Lieblosigkeit, gegen die fehlende Nähe, gegen die fehlende Gemeinschaft aufgelehnt. Mit dem, was ein jeder und eine jede von uns auch hat: mit Worten und Bildern und Geschichten und Gesichtern.

Das Brautpaar, wie haben sie geschaut, als sie vom zur Neige gehenden Wein erfahren haben? Wie muss der Wirt, der für die Planung verantwortlich war, sich gefühlt haben? Und was müssen sich die Helfer gedacht haben, als sie die Krüge geholt haben, die sonst für die Waschungen gedacht waren?

Und dann stelle ich mir vor, die der Wirt den Wein schmeckt. Er ist köstlich, wunderbar, ein Gedicht. Ich schmecke mit ihm, meine Zunge streicht über den Gaumen. Auf einmal ist es mir, als ob ich mitten im schönsten Frühjahr in einem Land voller Olivenbäume, Tomatensträucher, Weinberge, mittendrin in einem Fest, Musik liegt in der Luft – und alle feiern. Und ich mittendrin, einfach glücklich, zufrieden, selig.

Johannes verrückt die Wirklichkeit, er nimmt uns aus der vorfindlichen Wirklichkeit hinaus: So war es, als Jesus auf der Welt war, und so wird es wieder sein. Die Hochzeit zu Kana – das erste Zeichen Jesu. Und andere folgen. Sie sind dran, erzählen Sie weiter.

Und so wird der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, auf einmal mitten unter uns aufscheinen. Amen.

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