Andachtstexte

01.01.2021

Nachrichten aus dem Gefängnis - Andacht zu Neujahr 01.01.2021

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Liebe Gemeinde, liebe Menschen, die wir nun alle in diesem neugeborenen Jahr angekommen sind!

Dieser Jahreswechsel war wirklich ein besonderer: Alles war – für viele von uns – gehörig anders als sonst: keine großen Bälle, keine Partys und Treffen mit dem ganzen Freundeskreis, nicht einmal eines mit der Familie darf sein zur Zeit. Ob sich alle an die notwendigen Auflagen gehalten haben, werden wir erst später wissen. Wenn Sie diese kleine Neujahrsandacht hören, wissen wir vielleicht schon mehr.

Aber - was für ein Jahr liegt da hinter uns? Und was für eines kommt uns entgegen? Im Frühjahr waren es rund zwei Monate, in denen alle öffentlichen Veranstaltungen bis auf wenige Ausnahmen gecancelt waren. Seitdem müssen wir auf als das verzichten, was uns in unseren Gemeinden und sonstigen Beziehungen wichtig ist: Sich zu treffen, Nähe, auch Umarmungen, die Köpfe beim Kirchenkaffee zusammenzustecken und Gemeinschaft zu leben… nettes Beisammensein bei Geburtstagsfeiern... alles war plötzlich im höchsten Maße gefährlich. Wir sind gleichzeitig gefährlich und gefährdet!

Und nun im Winter ist es erneut so: selbst Weihnachten war davon betroffen. Mache haben sich selbst eingeigelt… sich wie in ein eigenes Gefängnis zurückgezogen… Immer die Angst im Nacken, was passieren könnte, wenn es mich erwischt? Wie halten wir das eigentlich durch?

Dietrich Bonhoeffer hat in den letzten Dezembertagen 1944/45 eines der berühmtesten Liedgedichte geschrieben. Wir kennen es als: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ Er war zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis in Berlin, weil er konspiratives Mitglied einer Widerstandsbewegung gegen das Nazi-Regime war. Er rechnete schlimmstenfalls mit seiner Hinrichtung. Dennoch spricht sehr Tröstliches aus diesen Worten: Von guten Mächten wunderbar geborgen

1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Kehrvers: Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

So ist der Auftakt der sechs Strophen, von denen hier drei in die Auswahl genommen werden. Worte, in die ich mich selber einhüllen kann, so tröstlich und vertraut sind sie mir geworden. In einer persönlich schweren Zeit vor einigen Jahren durfte auch ich diese Erfahrung machen: plötzliche Abschiede von vertrauten Menschen und Sorge um andere prägten mein Leben. Und dennoch fühlte ich mich von Gott nicht allein gelassen, sondern gesehen - in meinem Kummer und Schmerz. Bonhoeffer fühlt sich trotz der Trennung von seiner Familien und insbesondere von seiner Verlobten im Herzen mit allen verbunden.

Kein „social distancing“ – nicht soziale Kontakte aufgeben, nur ein „physical distancing“ auf körperlichen Abstand zu anderen gehen, - schlimm genug - aber doch mit einander im Kontakt bleiben. Wir haben da heute viel mehr Möglichkeiten. Die können wir nutzen! Aber dennoch sind wir sehr auf uns selbst verwiesen, manchmal uns selbst ausgeliefert. Manchmal wird einem das schon ziemlich schwer. Immerhin müssen wir keine sonstigen Gefährdungen fürchten: keine Bomben oder Strafen. Nur uns selbst.

2. Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Kv: Von guten Mächten wunderbar geborgen…

Bonhoeffer spricht hier von schlimmen Erinnerungen, die einem nachgehen können. Vielleicht auch nur das vergangene Jahr, das so schwer war. Vielleicht aber auch ganz alte Dinge, die sich in die Seele ein gegraben haben.

Manche Erkenntnis verändert die Welt für immer: Wir haben gelernt, dass wir nicht alles in der Hand haben. Dass wir verletzlich sind. Dass trotz allem Bemühen, uns etwas geschehen kann, das uns und unser Leben sehr verändert. Plötzlich ist es mit unserer eigenen Macht am Ende: „Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren“ so singen wir mit Luther im Klassiker: „Ein feste Burg ist unser Gott“. Da holt uns das Lebensgefühl uralter Zeiten wieder ein, dunklen Mächten ausgeliefert zu sein.

Dagegen setzt Bonhoeffer seine Sicht: wir sind „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ in allem Schweren! Denn: Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

5. Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
Kv.: Von guten Mächten wunderbar geborgen…

Und in der vorletzten Strophe setzt er die kleine Flamme der Hoffnung in die Mitte. Jetzt, wo die Tage schon wieder in kleinen Schritten länger werden – 2 Minuten pro Tag! – eine Minute früher der Sonnaufgang und eine Minute später der Sonnenuntergang. Für uns kann der Hoffnungsschimmer eine Impfung sein oder auch nur die Hoffnung darauf, dass Gott in allen Gezeiten unseres Lebens bei uns ist, weil er selber Mensch geworden ist und daher alles kennt was Menschen lieben und fürchten.

In der Weihnachtsgeschichte feiern wir genau das! Das sollten wir nicht mit der Weihnachts-Deko gleich schon wieder wegpacken! Die Hoffnung auf bessere Zeiten hält uns aufrecht. Unserer Hoffnung steht auf gutem Grund: Zum einen: Gott ist bei uns am Abend und am Morgen – also in allen Zeiten und Gezeiten unseres Lebens. Und zum anderen: Wir sind nicht einfach nur den bösen Mächten ausgeliefert. Wir können mit dazu beitragen, dass es besser wird.

Auch mit Impfung wird keine Garantie für Unverletzbarkeit geben. Aber sie ist ein Zeichen für das, was menschliches Wissen bewirken kann. Gehen wir vertrauens- und hoffnungsvoll in dieses neue Jahr. Gerade jetzt können wir spüren, dass uns das Vertrauen auf Gott und seine Nähe auch durch solche Gezeiten trägt.

Amen

Ihnen allen ein gutes und gesundes Neues Jahr! Ihre Pfarrerin Sylvia Pleger

 

Hier noch das Lied zum Mitsingen:

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Die nächste Andacht lesen Sie auf unserer Webseite am 10.01.2021, verfasst von Pfr. i.R. Manfred Bautz.

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