Andachtstexte

26.12.2020

Menschenwürde

"Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten" - so heißt es am Ende der Weihnachtsbotschaft.

Die Hirten kehrten um, kehrten wieder zurück auf die Felder zu ihren Herden, kehrten wieder zurück in die gewohnten Lebensverhältnisse. Zurück in ihre soziale Stellung als geringgeschätztes, wenig vertrauenswürdiges Volk. Alles beim alten - und doch nichts beim alten. Etwas ist doch neu, so dass für die Hirten alles anders ist. Nicht die Lebensverhältnisse, die sind so wie vorher. Aber etwas hat sich für sie so verändert, dass sie sich nach ihrer Rückkehr nur noch freuen und singen können.

Wie wird das mit uns sein am Ende dieses ungewöhnlichen Monats, wenn alles vorüber ist, wenn wir die Betriebsamkeit der Adventszeit hinter uns gelassen haben, wenn das Fest, (hoffentlich) gefeiert ist, wenn sich der Alltag wieder einstellt, mit all seinen Sorgen und den Fragen, die die Zukunft aufwirft? Ob etwas bleibt von dem Frieden des Festes? Ob sich danach auch noch singen und sich freuen lässt?

Es wird nicht leicht fallen. Es wäre wahrscheinlich ein innerlich weiter Weg zurückzulegen: von den Hoffnungen und Wünschen, die einen bewegen hin zur Begegnung mit der irdischen Wirklichkeit Gottes. Ein Weg, den die Hirten gingen.

Die Botschaft der Engel hatten sie im Ohr, als sie sich aufmachten zum Stall nach Bethlehem: die Worte vom Heiland. Die Worte sprachen ihre Hoffnungen und Wünsche an, ließen an einen Retter denken, der die Verhältnisse, ja die ganze Welt anders macht. Und möchten wir nicht gerne so sein: stark und mächtig, voller Power und erfolgreich?

Die Hirten fanden den Retter der Welt. Sie begegneten Gott. Sie fanden ein Kind in einer Krippe. Sie begegneten sich selbst: In ihrem hilflosestem und erbarmenswertem Zustand. So wie dies Kind waren sie alle auf die Welt gekommen: in einer Krippe, in Windeln gewickelt. Was sie da sahen, das hat ihnen ihre Würde wiedergegeben. Dass diese Kind der Retter der Welt ist, dass Gott so in die Welt komm. Und das gibt ihnen ihre Würde zurück und lässt sie aufrecht zurückkehren.

Das Geheimnis dieser Geburt ist Gottes „Ja“ zum Leben. Gottes "Ja" zum Menschen. Gottes "Ja" zum Menschen, wie er ist, wie wir oft sind: nackt, bloß, hilflos, verunsichert. Gottes "Ja" zu uns, so wie wir sind. Nicht nur als Starker und Erfolgreicher habe ich ein Recht zu leben, sondern auch als jemand, der am Rande lebt, der "gescheitert" ist.

Jesu Geburt in einer Krippe, in Windeln gewickelt: Das heiligt die Lebensverhältnisse nicht, in denen viele Menschen immer noch leben müssen. Es ist auch kein Appell, sich tapfer in sein Schicksal zu fügen. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass diese Geburt, die wir feiern, jedem menschlichen Leben - unter welchen Umständen es immer auch gelebt wird - seine unantastbare Würde zuweist.

Ihr Pfarrer Yuriy Babych

Alle anzeigen
Cookies auf dieser Website
Um unsere Internetseite optimal für Sie zu gestalten und fortlaufend zu optimieren verwendet diese Website Cookies
Benötigt:
+
Funktional:
+