Andachtstexte

25.12.2020

Unerwarteter Besuch - Gott kommt und der Mensch wird frei

Predigt für den ersten Christtag von Citykirchenpfarrer Falk Schöller

Liebe Gemeinde,

gestern war er, der Heilige Abend. Eine Nacht, in der einstmals wunderbares geschehen ist, was keinem Menschen möglich schien, was über menschliche Vorstellungskraft weit hinausgeht. Ein Zauber liegt auf dieser Heiligen Nacht seit über 2000 Jahren – und natürlich würde mich brennend interessieren, ob ihnen gestern Abend, heute Nacht, in der Heiligen Nacht auch etwas Besonderes widerfahren ist.

Das Zentrum des Christfestes hat mein Lehrer Jürgen Moltmann in dem Titel eines kleinen Büchleins auf den Punkt gebracht: Gott kommt – und der Mensch wird frei. Ich erwarte dies in diesem Jahr ganz besonders an Weihnachten: frei zu sein, frei zu werden. Und auch für uns in Stadt und Land, in den Flüchtlingslagern und in den äußeren und inneren Gefängnissen: Frei werden, befreit werden, von dem, was belastet, bedroht, unterdrückt, einengt, das Leben beschneidet. Am Heiligen Abend ist einst wunderbares geschehen – anders als Menschen es erwarten, und doch so, wie es verheißen war seit langer Zeit: Gott kommt – und der Mensch wird frei.

Die Geschichte, die heute zur Sprache kommt, lässt sich auch so lesen: Gott kommt – und der Mensch wird frei. Frei wird durch Gottes Kommen und durch Gottes Botschaft … warten sie ab…

Abraham schlief, bei den Terebinthen von Mamre. Er saß am Eingang des Zeltes, als der Tag am heißesten war. Auf einmal blickte er auf, schaute sich um, und siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und er lief ihnen entgegen und warf sich nieder zur Erde.

So weit, zum ersten. Einleitung. Und ganz orientalisch, wie wir es aus dem Mittelmeerraum und Arabien kennen geht es weiter:

Abraham sprach: Herr, wenn ich Gnade gefunden habe in deinen Augen, so geh nicht vorüber an deinem Diener. Es soll etwas Wasser geholt werden, dann wascht eure Füße und ruht euch aus unter dem Baum. Ich will einen Bissen Brot holen, dass ihr euch stärken könnt, danach mögt ihr weiterziehen. Denn deswegen seid ihr bei eurem Diener vorbeigekommen. Sie sprachen: Mach es so, wie du es gesagt hast.

Abraham nötigt den Besuch zum Bleiben. Und wenn schon einmal Besuch da ist, dann gilt es, den großen Preis der Gastfreundschaft zu gewinnen. Und tatsächlich:

Da eilte Abraham ins Zelt zu Sara und sprach: Nimm schnell drei Maß Mehl, Feinmehl, knete es und backe Brote. Auch zu den Rindern lief Abraham, nahm ein zartes, schönes Kalb und gab es dem Knecht, und der bereitete es eilends zu. Dann nahm er Butter und Milch und das Kalb, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor. Er selbst wartete ihnen auf unter dem Baum, und sie aßen. 

Und jetzt: Jetzt kommt man ins Gespräch – nach dem Essen. Wenn der Gast wirklich angekommen ist, sich angenommen fühlt, jetzt kommt man ins Gerede. Eigentlich ganz normal:

Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Abraham sprach: Da drinnen im Zelt. Da sprach er: Fürwahr, übers Jahr werde ich wieder zu dir kommen. Dann hat Sara, deine Frau, einen Sohn.

Und jetzt beginnt das Seltsame, Sonderbare, Wunderbare. Der Besuch kennt den Namen von Abrahams Frau – und er spricht über ein zutiefst intimes Thema: eine Schwangerschaft, die noch gar nicht ist. Welch eine Zumutung, hier wird jede Grenze des guten Geschmacks überschritten. Im Orient sind die Frauen oft unsichtbar – hier rückt Sara in den Mittelpunkt. Aber es kommt noch besser:

Sara aber horchte hinter seinem Rücken am Eingang des Zelts. Abraham und Sara aber waren alt und hochbetagt; Sara ging es nicht mehr, wie es den Frauen zu gehen pflegt. Und Sara lachte bei sich: Nun da ich verbraucht bin, soll ich noch Liebeslust empfinden, und auch mein Herr ist alt.

Jetzt aber überschreitet die Erzählung jede Grenze – und die Züricher Bibelübersetzung legt das wirklich offen: Sara ging es nicht mehr, wie es bei den Frauen zu gehen pflegt – die besten Jahre sind vorüber, die Wechseljahre auch. Bei Sara geht nichts mehr. Sie fühlt sich, mit einem Wort, verbraucht. Mir stockt der Atem: Ein Fremder, ein Besucher, er legt seine Worte in die offene Wunde von Saras Leben. Aus ihr ist nichts geworden, unfruchtbar ist die geblieben, obwohl ihnen doch Nachkommen versprochen waren. Das ganze Drama ihres Lebens – und auch der Partnerschaft mit Abraham ist offenkundig: Auch das Lustempfinden ist weg, nicht nur bei ihr. Die Luft ist raus, die Lust ist raus. Es geht nichts mehr, rien ne va plus. Die biologische Uhr ist abgelaufen, Abraham wird bald einhundert Jahre alt. Und nicht jeder Einhundertjährige kann aus dem Fenster steigen und die Welt neu entdecken. Das wäre Science Fiktion, das gibt es nur im Märchen– die Wirklichkeit ist anders. Und so lachte Sara bei sich. Was ist das für ein Lachen? Wie viel Bitterkeit und Zynismus schwingen da wohl mit? Was meinen Sie?

Da sprach der Gast zu Abraham: Warum lacht Sara und sagt: Sollte ich wirklich noch gebären können, da ich doch schon alt bin?  Ist denn irgendetwas unmöglich für den HERRN?

Und jetzt schon wieder eine neue Wendung. Der Besucher spricht wieder über statt mit Sara – und er offenbart sich: für Gott ist nichts unmöglich. Ein ganz normaler menschlicher Besucher verwandelt sich in wenigen Worten, durch einen unerwarteten Zuspruch, durch ein Versprechen, durch ein Geschenk in Gott selbst. Gott schenkt, was Sara zutiefst ersehnt. Gottes Geschenk löst, was Sara fesselt: der Gedanke an Unfruchtbarkeit, das Gefühl, vor Abraham und Gott versagt zu haben, Sara ist alles schuldig geblieben, was einst den Aufbruch in ein neues Land, ein neues Leben motiviert hat. Gott kommt – und der Mensch wird frei.

Übers Jahr, um diese Zeit werde ich wieder zu dir kommen. Dann hat Sara einen Sohn.

Liebe Gemeinde, damit ist eigentlich schon alles gesagt. Wir feiern heute das Christfest. Gott selbst wird Mensch – aus einem einst überraschenden Besuch mitten im Alltag ist tatsächlich ein Sohn gekommen. Christusfest – in Christus wird fest, was verheißen war. Friede auf Erden. Gott kommt, der Mensch wird frei.

So ist das Christfest auf den Punkt gebracht: Aus der alten Erzählung vom Besuch bei Abraham nehme ich eines wirklich mit. Sara erlebt selbst als stille Zuhörerin eines Gespräches, wie sehr Gott auf den einen, alles entscheidenden Punkt kommt, auf den es in ihrem Leben wirklich ankommt. In meiner Ausbildung habe ich einmal gelernt, dass es nicht darauf ankommt, zu sagen und zu tun, was der andere will, sondern so zu handeln, dass er bekommt, was er wirklich braucht. Christfestlich leben bedeutet dann, auf den entscheidenden Punkt zu kommen: zu erspüren, was ich, was mein Mitmensch, was wir in unserer Straße und unserem Beruf, in unserer Stadt und unserer Gemeinde wirklich brauchen.

„Was willst du eigentlich zu Weihnachten, was wünscht du dir?“ „Niemand will Socken zu Weihnachten“, nein: jede und jeder möchte etwas, das ihn wirklich trifft, überraschendes, geheimnisvolles, unerwartbares – unmögliches! Ganz in der Tiefe sehnen wir uns danach, wirklich verstanden, entschlüsselt zu werden – zur Not auch mit all unserer Scham, all unserer Sehnsucht, all unserem unerfüllten Verlangen. Hoffentlich bevor wir zu alt sind, bevor unsere Sehnsucht erlischt, bevor wir uns und andere aufgegeben haben.

Was haben Sie denn gestern zu Weihnachten bekommen? Gab es ein punktgenaues, wirklich treffendes Geschenk? Ich persönlich möchte sie und die Schenkenden entlasten: denn ich empfinde dieses als eine übermenschliche Erwartung, ja sogar als eine unmenschliche Forderung, wenn wir ein solches Geschenk, eine solche Verheißung, eine solche Überraschung von einem Mitmenschen erwarten. Am Christfest orientieren wir uns auf jemanden hin, der größer ist als wir selbst und der außerhalb unserer Möglichkeiten und unseres Zugriffs steht. Gott. Jesus Christus. Heiliger Geist. Vielfältig – und doch derselbe. Zu Abraham kommen drei, nur einer spricht und nur einer geht. Gott ist mehr und anders, als wir begreifen können. Deswegen können wir ihn nur fassen, in dem wir von ihm erzählen, davon, wie er uns und anderen begegnet ist.

Und jetzt das Beste: wem Gott begegnet, der darf bei sich selber lachen. Gott bringt uns zum Lachen – ohne uns lächerlich zu machen. Die Gratwanderung ist schmal, Sara schämt sich ihres Lachens. Gott aber hat es genau gehört, gespürt, gesehen: Saras Lachen.

Saras Lachen ist kein Geheimnis: ihr Lachen entwaffnet das absolut Unglaubliche, das maximal Unverständliche. Ich habe überlegt, ob ihr Lachen all das gelöst hat, was sie lebenslang blockiert hat. Ein zaghaftes Lachen bei sich, und auf einmal ist sie außer sich, ist fähig zu Lust und Leidenschaft, sie wird fruchtbar und zum Segen für sich und die ganze Welt. Ein Lachen, eine Gefühlsregung, in dem Moment, als sie sich für ihr Leben schämt, löst ihr Lachen alles in Wohlgefallen auf. Und jetzt gilt: nichts ist unmöglich für den Herrn. Du wirst sehen, übers Jahr hinweg hast du einen Sohn.

An Weihnachten blicken wir auf den Sohn in der Krippe. Und mit einem seligen Lächeln auf den Lippen. Oben am Himmel sind die Sterne stehen geblieben. Unten auf der Erde laufen Hirten zusammen. Dazwischen steigen Engel auf und ab und singen: „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erde Fried, den Menschen ein Wohlgefallen.“

Gott hatte an Sara sein Wohlgefallen, er brachte tiefen Frieden in die Familiengeschichte von Abraham und Sara – und all das genügt Gott zur Ehre. Halleluja, liebe Gemeinde.

Gottes Friede ist höher als all unsere Vernunft. Bewahrt seien unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus, unserem Herrn. Und eines ist gewiss: Gott kommt – und der Mensch wird frei.

Hoffen wir darauf, dass Gott auch dieses Jahr, gerade dieses Jahr zu uns kommt, uns befreit zu dem, was wir wirklich brauchen und uns begleitet, alle Tage bis ans Ende der Welt. Amen.

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